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| Durchs Dünenmeer der Sahara |
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In einen Extrembereich des Radreisens ist unser ehemaliger Kollege Peter Dworak vorgestossen.
Der Sahara-Kenner wagte sich – nicht ohne gründliche Vorbereitung – erstmals mit dem Fahrrad in die Sandwüste.
Nach 600 Trainingskilometern rund um „Douz” (Oase; als Tor zur Sahara bezeichnet; ist in der Nähe des bekannten Salzsees „Schott Djerid”) starte ich meine Mountainbiketouren, mit einem 7,9 kg Carbonrad, das man mit einem Zeigefinger heben kann, das Gepäck von 40 kg allerdings weniger. Nach 100.000 Saharakilometern mit dem Geländewagen möchte ich die Sahara einmal so richtig unter dem Hintern spüren, und mir die Landschaft einmal selbst „erarbeiten”...
Hier ein Auszug aus meinem Logbuch über die Strecke Douz-Ksar Ghilane. 115 km über Dünen und verwehte Fesch-Fesch-Pisten.
2.2.2001
Alles fängt ganz toll an. Ich kann 6 Deutsche mit Unimog, Iveco-Achttonner, Landcruiser Viertonner, überreden, nicht die fade Nordumfahrung zu nehmen, sondern die anspruchsvollere im Süden, wie ich sie fahre. Super.
Wir fahren gleichzeitig los. Der Deutsche mit dem Landcruiser ist noch nie Dünen gefahren...
Gut, dass er nicht weiss, dass es 3 km vor Ksar Ghilane ziemlich viel solcher „Hüpfer” gibt. Aber die kann ja einer von den anderen fahren. Doch es sollte für ihn viel schlimmer kommen.
Meine Fahrtzeit zu dem 40 km entfernten Café aus Stroh und Palmwedeln schätzte ich auf 6-7 h. Heute jedoch machte ich mächtig Druck aufs Pedal, war gut drauf, und erreichte meine erste von fünf Etappen in 3 h 15'.
Die Zeit des Truck-Convois: 3 h 12'. Na ja, ich geb's zu, sie machten eine kleine Mittagspause...
Dieser erste Pistenteil war geräumt, fest und schnell befahrbar. Just als das Wellblech auf der Piste etwas höher wurde machte ich eine einstündige Trainingseinheit mit 35 Km/h. Die Geländefahrzeuge konnten ob der Rüttelei nur 30 Km/h fahren, und so wurde der ganze 17 Tonnen schwere Konvoi unter 6 staunenden Augenpaaren von mir überholt.
Mit dem Mountainbike ohne 40 kg Gepäck würden die Offroader ziemlich alt aussehen, dachte ich.
Blieb ich noch anfangs in den kurzen Weichsandfeldern stecken, so verbesserte ich Nachmittags meinen Fahrstil deutlich. Mit 30 km/h hineinrasen, das ausbrechende Hinterrad mit Körpereinsatz korrigieren, schafft man gut 50 m Weichsandpasage. Da auf dieser Etappe die meisten Passagen nicht länger als 50 m sind, lässt sich jetzt ein flüssiges Fahren realisieren. Nach einem Weichsandfeld bin ich allerdings auf 175 Herzschläge pro Minute oben.
Die letzten 7 km fahre ich easy, um mich bis zum Café rechtzeitig „abzuwärmen”.
Das Café ist recht hübsch, aus Palmwedeln geflochten, von einem netten jungen Berber geführt. Hier zweigt die Piste nach Süden ab. Die Deutschen blieben hier nicht stehen. Die haben ja Zimmer, Küche, Kabinett an Bord, und sind auf Windschutz nicht angewiesen.
Übernachtung in der Palmwedelhütte. Es ist schweinekalt. 1°.
3.3.2001
Lege einen Regenerationstag beim Café ein.
4.2.2001
Verabschiedung von Bou Ali, dem Berber. Für die Übernachtung, die acht Kaffees, CousCous und vier Liter Mineralwasser will er nichts nehmen. Er sagt, dass er wisse, ich sei ein „Reisender”, kein Tourist.
Plötzlich taucht ein einheimischer Landrover auf und stoppt vor mir. Der nette Berber ist von meinem Vorhaben begeistert, und fand mich mutig und couragiert. Dieser Bonus bescherte mir 3 Baguette, fünf Eckerlkäse, 2 Thunfischdosen, 1 Schweppesdose und 1.5 Liter Mineralwasser, das der Berber mir mit auf den Weg gab. Überschwenglich war mein Dank, war völlig begeistert, startete ich doch nur mit einer Notration, um Gewicht zu sparen, und möglichst viel Wasser an Bord zu nehmen.
Flog ich am Vortag förmlich die 40 km in 3 h zum Café sollten für die heutigen 33 km fast 7 h vonnöten sein. Es waren die schlimmsten sieben Stunden meiner Biker-Ära.
Zunächst 4 km/h Fussgaengertempo. Schieben. Nach einem halben Kilometer fing die Piste an immer mehr mit Flugsand zuzuwachsen. Das Schieben des 48 kg schweren Bikes wurde zu einem Kraftakt. Im Sand war Reifen und Felge nicht mehr sichtbar, und das Bike war nur mehr vorwärts zu bewegen, wenn man es gleichzeitig etwas anhob. Die Reifen sanken in den Fesch-Fesch wie das heisse Messer in die Butter.
Nach 5 km kam dann prompt die erste „Sinnkrise”, und mein Kopf begann ständig zu rechnen. Nur mehr 1.5 km in der Stunde, macht bei 6 h neun km. Das wären acht Tage nach Ksar Ghilane, und in dieser Zeit würde nicht nur das Wasser nicht ausreichen, Knie, Schulter und Arm auf der rechten Seite würden bereits am zweiten Tag verkrampfen und unbrauchbar werden.
Die Gegend bestand aus lauter kleinen mit grünen „Buscherln” bewachsenen Minidünen, dazwischen die Fesch-Fesch-Piste. (Fesch-Fesch ist kein „Mehlsand”, es ist feiner als Mehl...)
Aber ich konnte so einfach nicht aufgeben, war doch diese Durchquerung der Culminationspunkt dieser Reise.
Zunächst war die Hoffnung, dass die Piste besser würde, wenn sie mehr nach Süden und Osten dreht, dann bläst der Wind seitlich und nicht vorn. Das fegt den Fesch-Fesch wieder heraus, und die Strecke müsste eigentlich besser sein. Diese Streckenwende kommt aber erst in 10 km. Heiliger Strohsack, wie soll ich das mental und körperlich durchstehen? Zu allem Unglück bläst jetzt der Gegenwind mit gut 40 km/h ins Gesicht, und die aufprasselnden Sandkörner stechen spürbar.
In den Bikeschuhen haben kleine „Dünen” Einlass gefunden und drücken jetzt heftig zwischen Fuss und Fussbett.
Es ist bereits der halbe Tag überschritten und am Tacho stehen 8 km. Nach 9 km halte ich mein Vorhaben für aussichtslos und kehre entnervt 800 m um, aber irgendetwas trieb mich zurück...
Noch 1 km bis zur Richtungswende. Die Pausen zwischen der Schieberei werden jetzt häufiger. Der rechte „Zugarm” wird schwächer. Falls nach der Richtungsänderung die Piste nicht deutlich besser wird, kehre ich um, das hab' ich mir versprochen.
Km 10, schweissgebadet, viel Wasser verbraucht.
Die Wende. Die Piste ist nur mehr mit 30% versandet, das ist okay.
Ein Aufatmen geht durch meinen Körper. Was für ein tolles Geschenk, ab und zu festen Boden unter der Füssen zu spüren dürfen.
Eine verlassene Palmwedelhütte am Pistenrand lädt zu einem Kaffee und Jause ein. Ich bin wieder guter Dinge.
Eine Stunde Erholung. Bis in die Nacht hinein wird noch gefahren, und mein selbst auferlegtes Plansoll von 30 km wurde sogar um 3 km ueberschritten.
Die deutsche Konvoigruppe hat ihr Ankunftslimit bereits überschritten. Sie sind abgänging und werden bereits von der Polizei gesucht. Diese kam bei der alten Palmwedelhütte vorbei, und fragte ob ich die Deutschen gesehen hätte. Sie kamen auch um zu sehen,wie weit ich bis jetzt gekommen war.(meldete mich bei der Polizei ab, nach sechs Tagen wird eine Suchaktion eingeleitet) Sie boten einen Rücktransport an, den ich ablehnte, und fuhren wieder nach Douz zurück. Auch ein Motoradfahrer war abgängig. War irgendwie seltsam dieser kurze Kontakt in der einsamen Gegend, dachte ich und sah der immer kleiner werdenden Staubwolke des Geländewagens nach.
Es war eine Staubwolke Richtung Douz, Richtung Leben.
Und was war vor mir?
Nun, immerhin hatte ich einen schönen Nachtplatz abseits in den Dünen mit einem kleinen Feuer. Absolute Stille und ein klarer Sternenhimmel breitete sich über mich. Acht Kamele hielten mich für einen Nomaden (das Zelt sieht im Miniformat einem Nomadenzelt ähnlich) und gruppierten sich in Zweimeterabständen rund ums Zelt um Schlangen und sonstiges unerwünschtes Getier von mir fernzuhalten.
Ich war zuhause...
5.2.2001
Die gestrige Bemerkung von der schlimmsten Stunden meiner Bike-Ära stimmten. Aber eben nur für gestern. Was heute kam, lässt sich nur annähernd vermitteln.
Um Wasser zu sparen ging ich erst Mittags los, um für einen etwaigen notwendigen Nachtmarsch mental und physisch gerüstet zu sein. Zunächst machte ich ordentlich Kilometer Richtung der grossen Dünenbänder, die es zu überqueren galt. Dann die unangenehme Überraschung. Die Piste fing wieder an, so sandig zu werden, wie gestern.
Schieben, teilweise tragen, Meter für Meter kämpfte ich mich nach vorn. Es gab kein Zurück mehr, war Geschichte, denn der „Point of no Return” war bereits deutlich überschritten. Was denn, wenn diese Verwehungen von den letzten Sandstürmen bis Ksar Ghilane gingen? Selbst bei genügend Wasser wäre ein Zusammenbruch die unausweichliche Folge.
Noch 11 Liter Wasser. Wenn jetzt ein Sandsturm kommt (bis zu dreifacher Wasserverlust), ist mein kleines Ökosystem „zwei Beine, 11 Liter Wasser und ein Bike” Geschichte.
Natürlich ist es völlig klar, dass ausgerechnet am „Point of no Return” der erste heisse Tag da ist, und natürlich ist auch der Rückenwind-Bonus eingestellt. Windstille bei 32°. Und natürlich kommt hier niemand mehr vorbei.
Das Wasser rinnt aus meinem Körper, es ist jetzt das „Leben” das salzig die Stirn herabtropft, und die Augen brennen lässt. Man darf es nicht wegwischen, sonst wird die Verdunstungskälte minimiert.
Schlagartig wird mir klar, dass dies keine gesicherte Bike-Expedition mehr ist. Die Tour ist zur Überlebensfrage geworden. Wichtig ist jetzt, Panik zu vermeiden, und total abzuschalten.
Abzuschalten, das ist meine grosse Stärke, und ich setzte sie jetzt gezielt ein. Ein mentales Programm wird gebastelt. Ich stelle mir für heute eine Mindeststrecke vor, 18 km. Das ist die „Hasard-Minimalanforderung”. 25 km wäre das Mindestplansoll. 30 km die Komfortvariante. Also los.
Die Piste verliert sich in den kleinen Dünen. Sie sind chaotisch angeordnet (verschiedene Windrichtungen) und so muss ständig das GPS im Auge behalten werden.
Ich bemerke einen "Rechtsdrift", der linke Fuss ist also stärker. Macht nichts, der GPS korrigierts. Dann das erste von drei grossen Dünnenbändern, ca.50 Meter hoch. Die Dünen bis dort hinauf sind extrem steil und weich. Kein Wunder, dass heuer so mancher Geländewagenfahrer entnervt aufgeben musste.
Nicht ein Funken von Restfeuchtigkeit ist in diesem verdammten Sand, die unausbleibliche Folge von zwei regenlosen Jahren in dieser Gegend. In den Steilpassagen kann man das Bike nicht tragen, man versinkt sonst mit den Beinen.
Man geht einen Schritt vor, dreht sich um, und „reißt” dann das Bike an sich. Wieder umdrehen, Schritt nach vor...
Das Knie und die Rückenwirbel brennen vom Druck und der ständig gebeugten „Schiebe-Ziehhaltung” Sofort habe ich die aufkommende Angst, das Knie könnte den Jordan runtergehen, im Griff, setzte mich hin, eher ein Fallen, ziehe mir einen Energieriegel rein, und nehme einen kühnen Schluck aus der Flasche.
Nicht hart am, sondern überm Limit.
Das erste grosse Dünenband kostet enorme Wassermengen. Der Hals ist ständig trocken, das Durstgefühl will nicht enden. Aber ich weiss, dass der trockene Hals harmlos ist, denn selbst bei einem Liter Wasser „ex” wäre das so. Bei 165 Herzschlägen pro Minute ist es nicht mehr möglich, durch die Nase zu atmen, der Sauerstoffbedarf ist auf diesem Weg nicht mehr transportierbar, nur mehr durch den Mund. Bei einer Luffeuchte von 3% sind daher die Schleimhäute immer trocken.
Das erste Dünenband kostet erwartungsgemäss ordentlich „Körner”. Beim zweiten werden aus den Körnern „Brocken”.
Halbe Stunde Pause. Energieriegel. Grosser Schluck Wasser. Mental sammeln für das dritte und letzte Dünenband.
Ich stehe vor einer Wand schier unglaublicher Sandmassen, chaotisch, weich und steil.
Der „Zugarm” krampft schon etwas, und bekommt eine Massage.
Attacke!
Es ist nicht so, dass man wie am Berg Meter für Meter gewinnt. Du gehst, schiebst dich und das Bike 5 Meter hinauf, dann kommt der unweigerliche „Trichter” von drei Meter Tiefe, den musst du wieder runter, um zur nächsten Düne zu gelangen. Macht 2 gutgemachte Höhenmeter...
Nun Kleinvieh macht auch Mist. Auf der anderen Seite nur bequem runtersurfen? Mitnichten. 3 Meter runter, 1,5 Meter hinauf, um zur nächsten „Bergabsurfstrecke” zu kommen.
Es folgen 3 km flache kleine Dünen, bis ich entkräftet vor der letzten Barriere stehe. Der Puls „fliegt” davon. Der Ruhepuls fällt nicht mehr unter 125 Schläge (normal 60 Schläge). Ein Zeichen, dass bereits auf „Kredit” geschoben wird.
Nur das Wissen, dass hinter dieser Sandbarriere eine feste breite Piste verläuft, ist es, das mich hinauftreibt. Vor den letzten 5 Metern falle ich in einen Trichter. Bloss jetzt kein Trichter mit einem Hohlraum darunter, der dann unter meinem Gewicht einbricht, denke ich. Aber die Chance ist ja nur 6 aus 45, und so passiert auch diesmal nichts. Beim „rauswuseln” aus dem Trichter spür ich's dann. Ich zapfe zum ersten Mal die Überlebensreseven an.
Nur noch der Kopf macht die „Pace” und der höchste Punkt ist erreicht. Vor mir liegt die grosse weite Ebene, mit einer wunderschönen, grossen, breiten Piste.
Ich bin durch. Tränen der Erleichterung fliessen hinab, und werden sogleich wieder unterdrückt, kostet ja Wasser, denke ich, aber dann lass ich's einfach laufen, die paar Tropfen sind doch scheissegal, oder?
Ich surfe beachtliche Dünenabrüche hinab bis zur sandfreien Hauptpiste, die einfach wie eine Quelle aus dem Dünenmeer herrausspringt. Im Sanddünenmeer gibts niemals eine Piste. Sie wird stets vom Wind vernichtet.
Der Tag neigt sich zu Ende, und ich wusste, dass mich die Wüste heute nicht besiegen würde...
Die Spuren von den zwei Motorradfahrern die mich vor zwei Tagen überholt hatten, sind jetzt wieder auf der traumhaft festen breiten Piste zu erkennen.
Das von dem abgängigen LKW-Konvoi für mich vergrabene Wasserdepot ist verloren, konnte die Stelle nicht finden, vermutlich haben die im GPS ein anderes "Kartenformat" einprogrammiert. Eine aufwendige Suche wäre konterproduktiv gewesen...
Es dämmert schon langsam und ich lege die unabdingbare Pause so lange ein, bis der Puls wenigstens unter 100 Schläge sinkt. Danach kommt „Squeezy”, ein graues Kohlehydratgel ähnlich einer Austronautennahrung zum Einsatz. Habe mir fünf Stück eisern aufgespart. Nach einer Stunde fühle ich mich erstaunlich fit und beschliesse eine Nachtfahrt, solange bis mich die Müdigkeit übermannt.
Das spart Wasser und ich komme morgen früher (5 Tage sind erlaubt) in Ksar Ghilane an.
Leider tauchen nach einiger Zeit - meine zwei Stirnlampen für „Kurz und Weit” sind schon längst auf dem „Hirn” mit Klettband befestigt - noch 3 km Schiebepassagen auf. Allerdings flach, nur weicher Sand und kein Fesch-Fesch, das ist gegen die Dünenbarrieren fast Luxus. Danach folgt eine Traumpiste. 10 Km/h Schnitt. Normal würde ich hier 25 Km/h Schnitt fahren aber der Körper war schon an den Überlebensreserven drangewesen, und da gehts natürlich nur mehr auf absoluter Sparflamme. Aber das dafür kontinuierlich.
Flache Wüste
In einen regelrechten Trott verfallen, kurbele ich km um km. Es ist so eine unglaubliche Freude auf einem festen Boden fahren zu dürfen, dass ich gar nicht weiss, wieviele km ich schon gefahren bin.
Der Schnitt ist auf 6 km/h gesunken, und bin jetzt in der Ebene nicht viel schneller als zu Fuss.
Die „Landschaftsechtzeit” vermischt sich immer häufiger mit bunten Traumbildern die vor mir „herumtanzen”. Es ist bereits 3 h in der Nacht und merke nicht gleich das ich in einem leichten Sandfeld das quer über die Piste züngelt, einfach stecke und meine vorbeiziehenden Traumbilder anstiere.
Sekundenschlaf bei 140 Herzschlägen ist auch eine neue Erfahrung, denke ich, als ich „aufwache”.
Ich muss Schluss machen, sonst fahre ich mich gefährlich leer.
Am GPS-Satellitenempfaenger taucht plötzlich der Waypoint „Ksar” auf. Es ist das römische Fort aus dem 5.Jahrhundert vor Christus, letzter Vorposten der Römer in der Sahara.
Das Ksar ist 3 km vor Ksar Ghilane!! Heissa!
Ich klatsche mir selber in die Hände; ist ja sonst keiner da; schreie laut meine Freude in die Nacht hinaus, und trinke einen 3/4 Liter Wasser ex.
Das Bike wird in die Nähe des römischen Ksars auf eine Düne gezerrt und dort übernachtet.
Obwohl ich neben einem Mehlsack kaum mehr auszumachen wäre, falle ich samt den dem ganzen „Lurch”, wie die Wüste mich eben schuf, in den Sack hinein.
Trotz ein Grad Minus macht sich wohlige Wärme breit, fühle mich zufrieden und wesentlich, schnell nebeln die Traumbilder in den Schlaf, es ist 4 h früh, als das Licht ausgeht, und ich wusste, dass mich auch morgen die Wüste nicht besiegen würde...
6.2.2001
Das Zelt steht auf einer Düne, die eine weite Sicht in die Dünenlandschaft, auf die römische Ruine (letzter röm.Vorposten 500 n. Chr.) und die 3 km entfernte Oase gewährt.
Ob des schönen Platzes wird der Tag ordentlich vertrödelt.Hab ich mir auch verdient. Matte raus, in die Sonne auf den Sand. 32°.
Meine Fangemeinde besteht aus 3 Haubenlerchen, 1 Weissbürzelsteinschmätzer, 2 Pillendreher und einem altersschwachen Gekko, der bar jeglicher Berührungsängste war - ich durfte ihn streicheln...
Die Haubenlerchen singen wunderschön, der Weissbürzelsteinschmätzer ist an Neugierde nicht zu überbieten, der Gekko bekommt als Gnadenbrot eine Wasserration, und die Pillendreher wollen immer unter die Luftmatratze und verursachen Kratzgeräusche. Die Buschfinken piepen um die Wette bei der Balz, und ich lasse den lieben Gott einen guten Mann sein...
Um 3 Uhr Start in die Oase. Eine 4 km Dünenbarriere ist zwischen dem Ksar und der Oase. Die letzte Bergwertung beginnt.
Diese Dünenstrecke bin ich schon 1992 mit meiner Freundin Elfi mit dem Geländewagen gefahren. Die Dünen sind ähnlich wie damals. Sogar die Stelle wo Elfi eingesandet war, erkannte ich sofort, sie ist nur um 4 m in der Breite gewachsen.
Zuerst ein heftiger Anstieg, dann aber geht es immer bergab in die Oase. Dutzende von Kamelen mit Touristen strömen mir plötzlich entgegen (4 km Ritt fuer Schweinegeld), aber das kannte ich ja schon von früher. Alle sitzen sie falsch, nämlich hinterm statt vor dem Höcker...
Ich sehe in grimmige tunesische Kamelführer-Gesichter, und werde bei annähern der Touristenkarawane von der „guten” Strecke vertrieben. Der Grund ist freilich klar. Ein Fahrradfahrer ist für den Kamel-Guide der den Touris alles mögliche "reindrückt" ein echter Adventure-Killer.
Bekomme Beifall von den Touris oben, aber sie wissen nichts...
Die letzten Meter werden die Beine schwer, die Tour steckt ordentlich in den Knochen, alles lässt nach. Da die Garde National an Unterbeschäftigung leidet, suchen sie mich einen Tag früher als vereinbart und kommen mir gerade, nebst einem Teil der Dorfbevölkerung, entgegen. Alle applaudieren, und die Frauen klappern laut mit der Zunge.
Der Brite Williams mit dem ich mich am Campingplatz angefreundet habe, ist heimlich noch einmal ( ist die Extremstrecke schon eine Woche vorher gefahren) über die einfache Pipelinepiste nach Ksar Ghlilane gefahren, um von dort bei Problemen sofort hineinzufahren um mir zu helfen. Er drückt mich warm an sich, und seine Freude ist gross, dass alles glatt ging.
Zwei Franzosen tauchen auf. Es sind Hochleistungssportler die zu Fuss von Douz hierher gingen. An der Hüfte hängt ein „Geschirr” mit Latexseil, an dem ein Slippwagen hängt auf dem man sonst normal Surfbretter transportiert. Darauf liegen 50 kg Gepäck, das sie ziehen mussten. Reger Erfahrungsaustausch ist die Folge. Hier sind wirklich lauter Verrückte unterwegs...
Mühlstein
Gelegentlich trifft man sie in der Wüste, die „Besessenen”, die „Verfallenen”, die „Brennenden” mit einem Blick, der durch und durch geht. Die zerzaust und verstaubt, aber allem Anschein nach recht glücklich sind. Es ist eine seltsame „Seelenverwandtschaft”, in der ich mich heimisch fühle.
Die Wüste gibt sich nicht gern nur für eine Liebschaft her. Nur weil in der Wüste alles „Überflüssige” entfernt ist, ist ihr Potential unerschöpflich.
Der Reiz des „unerforschten Wanderns”, des „wild-fremdartigen” und grenzenlosen Raumgefühls ist nur eine von vielen Facetten. Hier könnt ihr zu den Kindheitsträumen zurückkehren, und seid den kosmischen Dimensionen am nächsten...
Bis zum nächsten Mal
Euer Wüstenfrosch
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