|
|
 |
 |
Die Rikschas von San Carlos |
 |
 |
Anfang 1997 führte eine kleine Rad-Expedition über das philippinische Archipel den Meister Rö und Kollegen Schmid von der WUK- Fahrradselbsthilfe nach San Carlos, eine mittelgroße Hafenstadt an der Westküste der Zuckerrohr-Insel Negros, wo sie eine überraschende Entdeckung machten. Auszüge aus dem Tagebuch:
...hier ist plötzlich eine Oase von 28"-Pedicabs (=philippinische Bezeichnung für Rickscha) im Stil indischer Roadster, mit doppeltem Unter- und Oberrohr. Im Gegensatz zu dem primitiven 20"-BMX-Dingern mit Gummilappenbremse am Hinterreifen, die man überall sonst auf den Philippinen findet, sind diese eleganten Gefährte mit Gestänge-Bremsen auf verchromten Westwood-Felgen ausgerüstet. Und alle haben sie Hupen, die fleissig betätigt werden.
Die Beiwagen haben auch ein 28"-Laufrad, in einer Linie mit der Hinterachse, Sonnendach, zwei Sitze für schmal'pickte Leut', teilweise am Dach noch eine Gepäckablage und vorn eine Plastikplane als Schutz gegen den tropischen Regen. Edle, aufrechte Radler gleiten allenthalben auf ihren knallbunten Gefährten durch die Strassen, bei weitem zahlreicher als Motortricycles und Autos. Eine Freude zum Anschauen.
San Carlos 15.2.1997
Ein Triumph der Humankinetischen Forschung: Heute konnten wir die Entdeckung einer endemischen Tricycle/Pedicab-Spezies verzeichnen, die nur in San Carlos auf Negros verbreitet ist: Die 28"-Geräte werden wirklich zur Gänze hier gefertigt und zusammengebaut. In seiner Werkstätte baut William sowohl die malerischen Doppelrohr-Rahmen, als auch die Pedicab-Beiwagen. Aus Winkeleisen, Vierkant- und Rundstahldrähten, dicken Wasserrohren und dünnwandigeren Fahrradrahmenrohren, alles per Elektro-Schweissung zusammengefügt.
Im mattroten Rostschutzfinish verlassen die rohen Gestelle nach 1-2 Wochen Bauzeit seine Werkstatt, um lackiert und mit Planen und Sitzpolstern versehen zu werden - ein Job für die „upholstery” (Tapezierer) gleich nebenan, mit der William eng kooperiert. Der Rahmen allein kostet etwa 1000 bis 1500 Pesos (1 US-Dollar entsprach damals 26,4 Pesos). Dann kommen in der Fahrradwerkstatt noch Gabel, Lenkung, Antrieb und Laufräder dazu - und natürlich die Gestängebremse. China, Taiwan und Japan sind die Herkunftsländer der Teile, 3mm Speichen und spezielle 28"-Tricycle-Reifen sorgen für Stabilität. Die Übersetzung ist 38:22 Zähne, damit lassen sich im topfebenen San Carlos die möglichen 350 kg Gesamtgewicht ganz gut bewegen. Die Manövrierfähigkeit ist groß – die Pedicabs wenden mehr oder weniger auf der Stelle.
Für seine 8.500 bis 10.000 Pesos erhält der stolze Besitzer jedenfalls einen würdigen Gegenwert, der mindestens 5 Jahre halten sollte, meint William. Es gibt sogar einen Second-Hand-Markt. Die Fahrer können eine solche Summe bei gut 100 Pesos Tagesverdienst freilich nur schwer aufbringen. Sie mieten daher ihre Pedicabs für 25 bis 30 Pesos pro Tag von den Eigentümern, die meist mehrere besitzen. Angeblich gibt es eine Cooperative, die ihren Mitgliedern Darlehen für ein eigenes Pedicab gibt und auch ein Problem mit minderjährigen Fahrern. Die Pedicabs sind von der Stadtverwaltung registriert und lizensiert – insgesamt etwa 2000 Stück in der 100.000 Einwohner-Stadt.
Die Verfügbarkeit im Stadtzentrum ist ausgezeichnet, da man praktisch überall und jederzeit ein Pedicab entern kann. Dabei dienen sie nicht nur dem Personentransport – auch gelegentlich von drei bis vier Leuten auf einmal – sondern sie befördern auch Lasten aller Art. Die Fahrer sitzen durchschnittlich 12 Stunden am Tag auf ihrer Maschine, halb sieben morgens bis halb sieben abends ist normal – also den ganzen tropischen Tag lang. Aber auch spätabends gibt es noch genug Verkehr – um Mitternacht geht San Carlos dann spätestens schlafen. Bei Fahrpreisen von 2 bis 3 Pesos pro Kurzstrecke kommt zwar kaum mehr als das Notwendigste für die Fahrer und ihre Familien heraus, aber das Ganze ist ein wunderschön effektives und autarkes Nahverkehrssystem... |
top^ |
|
|